telc Deutsch C1 Allgemein Leseverstehen Teil 3 im Prüfungsformat: Detail- und Globalverstehen: 11 Aussagen und eine Überschrift. Interaktive Übungen mit Lösungen und Übersetzungen.
Im Prüfungsformat: Detail- und Globalverstehen: 11 Aussagen und eine Überschrift.
Die ersten drei Übungen dieses Teils sind ohne Anmeldung kostenlos. Hier ihr Aufgabentext ohne Lösungen; Lösungen und Erklärungen zeigt die Übung nach dem Prüfen.
Gutes Essen ist auch an den Unis kein kurzfristiger Trend mehr: Viele Mensen achten darauf, dass ihre Produkte aus biologischem Anbau stammen. Und setzen zusätzlich auf Qualitätsstandards und Gütesiegel.
Mittags um zwölf in der Hamburger Mensa: Hunderte Studenten stehen in langen Warteschlangen, um sich Steaks, Pommes oder Pasta abzuholen. Einige mäkeln über das Essen, finden nicht das passende Gericht. Und ahnen dabei gar nicht, wie viel Aufwand und Koordination eigentlich hinter jeder Mahlzeit steckt. „Schon morgens um sieben treffen wir uns zur ersten Besprechung“, sagt Mensaleiter Udo Klein, „und dann wird gekocht, was das Zeug hält.“ Schließlich müssen einige Hundert Kilogramm Nahrungsmittel durch die Töpfe und Pfannen, bis pünktlich um elf Uhr in der Hauptmensa auf dem Uni-Campus das Essen für rund 3.500 hungrige Studenten in den Wärmewannen steht. „Dann sind die Köche aber noch längst nicht fertig“, sagt Udo Klein, „wir bereiten ja alles frisch zu.“ Denn auch die Gäste, die erst kurz vor Schluss in die Mensa kommen, wollen ja noch ein knusprig gebratenes Schnitzel essen. Und so geht es in der Küche hektisch zu. An einem ganz gewöhnlichen Tag brutzeln die Köche rund 1.200 Currywürste, 600 Steaks und 500 Wok-Gerichte. Dazu kommen je 500 Portionen Nudeln und Suppe. Den Speiseplan tüfteln die Mensaleiter schon Wochen vorher aus. Schließlich müssen sie bis zum Verkaufstag einwandfreie Ware besorgt haben – da reicht es nicht, einen Tag vorher mit einem Einkaufszettel durch die Großmärkte zu schlendern. „Die Planung des Essens ist unheimlich komplex“, sagt Michael Gradtke, der für die 13 Hamburger Mensen und ihre 170 Mitarbeiter verantwortlich ist.
Das fängt schon bei den Vorlieben der Studenten an. „Für jeden Tag bieten wir unseren zwölf Mensachefs verschiedene Gerichte an, aus denen sie ihre Speisenkarte zusammenstellen können“, sagt Gradtke. Welche ausgewählt werden, hängt davon ab, wie sich die Kundschaft überhaupt zusammensetzt. „Frauen achten eher auf gesunde Ernährung“, hat der Mensaleiter beobachtet. Liegt eine Mensa jedoch in der Umgebung von ingenieurwissenschaftlichen und technischen Instituten, müssen die Verantwortlichen umdenken. „Diese Studenten essen nämlich am liebsten Currywurst und Schnitzel.“
Haben sich die Mensaleiter für ihre Gerichte entschieden, geht der Einkauf los. Und auch hier sind einige Feinheiten zu beachten. Ein EDV-System ermittelt die genauen Mengen und verschickt die Bestellungen automatisch an die Lieferanten. Die Mensen haben dabei exakte Vorstellungen davon, wie etwa ein Stück Fleisch aussehen soll. Zum Beispiel beim Gulasch: Die Stücke müssen an den Kanten jeweils exakt zwei Zentimeter messen. Wichtig ist zudem, wie hoch der Fettanteil ist und von welchem Teil des Tieres das Fleisch kommt. „Auf diese Weise können wir garantieren, dass wir nur einwandfreie Produkte verwerten“, sagt Gradtke. Deshalb müssen auch die Betriebe, die die Mensen beliefern, eine Reihe von Qualitätsstandards einhalten. „Grundsätzlich unterliegt die Warenlieferung einer strengen Kontrolle“, sagt Birgit Bornemann, Geschäftsführerin des Studentenwerks Osnabrück, dessen Mensa in diesem Jahr Sieger des UNICUM-Wettbewerbs „Mensa des Jahres“ wurde. „Wir arbeiten grundsätzlich nur mit Partnern zusammen, die über die erforderlichen Qualifikationen verfügen und bei denen wir nachvollziehen können, woher die Produkte stammen.“
Die Betriebe benötigen eine Zertifizierung. Das heißt, dass sie in regelmäßigen Abständen von Lebensmittelchemikern kontrolliert werden. Die Wissenschaftler analysieren dabei alle Zutaten, die für die Herstellung der Mahlzeiten benötigt werden. Durch dieses Vorgehen gelingt es den Unternehmen, gegenüber den Mensen ihre hohen Standards nachzuweisen. Ein Aufwand, der sich rechnet, denn die studentischen Kantinen nehmen große Warenmengen ab.
Immer mehr Mensen achten außerdem darauf, dass die Lebensmittel von Anbietern aus der Region kommen – um zu garantieren, dass täglich frisches Essen auf dem Tablett der Studenten landet. „Leider kann das nicht bei allen Produkten gewährleistet werden“, sagt Birgit Bornemann vom Osnabrücker Studentenwerk. „Manche Anbieter können solche großen Mengen einfach nicht bewältigen.“ Und so kooperieren viele Studentenwerke, um in Sammelbestellungen Nudeln, Reis oder Öl zu beschaffen. Eines hat dabei jedoch immer oberste Priorität: Die Qualität muss bei allen Lebensmitteln stimmen. „Wir legen schon lange Wert auf gesunde Ernährung“, sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. „Viele Studentenwerke vor Ort achten etwa darauf, dass ihre Produkte aus biologischem Anbau stammen.“ Das bedeutet aber nicht, dass gesunde Ernährung ausschließlich mit Bio-Produkten möglich ist – denn vor allem muss das Essen ja auch immer noch bezahlbar bleiben.
Gekochter Tafelspitz mit Bouillonkartoffeln und Brunnenkressecreme für 3,35 Euro, sieben Köstlichkeiten aus dem Wok für 2,10 Euro oder Hähnchenbrust mit Estragonsauce und Lauchrisotto sowie Romanesco-Röschen für 1,80 Euro – das Essen in der Hamburger Mensa hört sich nicht nur lecker an, sondern ist auch unschlagbar preiswert. „Seit 1998 haben wir die Preise nicht erhöht“, sagt Mensaleiter Michael Gradtke, „allerdings ist auch klar: Wenn wir nicht subventioniert würden, könnten wir diese Preise nicht halten.“ Die finanzielle Grundausstattung stammt unter anderem aus den Sozialbeiträgen der Studierenden – deswegen müssen die Gäste auch immer mal wieder ihren Studentenausweis vorzeigen.
Dass hinter ihrem preiswerten Mittagessen auch exakte Wissenschaft steht, ist den meisten Studenten dabei keineswegs bewusst. So hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) Empfehlungen für die „Gemeinschaftsverpflegung Mensa“ für 19- bis 24-Jährige herausgebracht. Ein Mittagessen sollte demnach optimalerweise 733 Kalorien enthalten. Und genau definiert ist auch, woher diese Energie stammen soll: zu 20 Prozent aus Proteinen, zu 30 Prozent aus Fetten und zu 50 Prozent aus Kohlehydraten. „Das ist die optimale Aufteilung der Hauptnährstoffe“, sagt Roswitha Girbarth von der DGE, „und dazu kommen noch Vitamine und Mineralstoffe.“ Die Vorstellung vom Koch, der mit ungefähren Rezeptangaben hantiert und intuitiv ein leckeres Essen auf die Teller zaubert, ist also fernab der Realität.
Stattdessen ist präzise Planung nötig, um die Vorgaben der DGE zu erfüllen. „Nur Mensen, die sich über einen längeren Zeitraum für ein Gericht an diese Richtlinien halten, können anschließend mit unserem Logo werben“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Roswitha Girbarth. Vor Ort wird dafür überprüft, ob die Rezepte nicht nur plausibel sind, sondern auch genau nach ihnen gekocht wird. „Wir wollen sogar wissen, ob die Köche Auskunft darüber geben können, welche Vitamine und Mineralstoffe in dem Essen enthalten sind“, beschreibt Roswitha Girbarth das Verfahren. Als Erste in Deutschland lassen sich im Moment die Köche vom Hamburger Studentenwerk so penibel in die Töpfe gucken. Und sie hoffen, dass sie im Herbst das DGE-Qualitätslogo an ihre Tür hängen können.
100 Stühle stehen im Tagungsraum des Swissôtels am Berliner Ku’damm bereit, gleich werden sie alle besetzt sein. Dalarna, eine Region in Mittelschweden, deren Markenzeichen rote Holzpferdchen sind, hat an diesem Samstagvormittag eingeladen. Ärzte sollen rekrutiert werden, die bereit sind, dorthin auszuwandern – Assistenz- oder Fachärzte wie Hans-Joachim Haubold.
Zwei unterschriftsreife Verträge aus der Schweiz liegen ihm bereits vor, aber die Schweden will er sich auch noch anschauen, da ist er flexibel. Sicher ist für ihn nur, dass er im Juli auswandern wird, Hauptsache weg, irgendwohin, „wo meine Fähigkeiten mehr geschätzt werden“. Zehn Jahre als niedergelassener Facharzt in Bad Kreuznach, zehn Jahre Kampf mit der Bürokratie hätten ihn mürbe gemacht, sagt er: „Die Bedingungen werden immer schlechter, und ich will nicht zehn weitere Jahre darüber lamentieren.“
Die Entscheidung sei ein langer Prozess gewesen, doch nun sei das Maß voll: „Ich warte nicht mehr auf bessere Zustände. Sie werden nicht kommen, egal, was die Politiker sagen.“ Ein Diaprojektor wirft bis zum Beginn der Veranstaltung schwedische Bilderbuchimpressionen auf die Leinwand: Blaubeeren, Braunbären, Wälder, rote Blockhütten an wilden Seeufern; die Holzpferdchen gibt es in verschiedenen Größen. Das Spektrum der hundert Auswanderungsinteressierten reicht vom Studienanfänger bis zur Mittfünfzigerin, die sich erkundigt, ob sie auch in ihrem Alter noch Chancen in Schweden hätte.
Die Antwort: Ja, unbedingt; das Durchschnittsalter der Ärzte in Dalarna liege bei 57 Jahren. Sebastian Böttcher, 24, studiert noch zwei Jahre Medizin an der Charité: „Ein Klinikarzt, der dieses Jahr nach Schweden gehen wird, hat so davon geschwärmt, dass ich mal mit einem Kumpel hierhergekommen bin“. Nelli Fock, 20, die ihr Medizinstudium gerade erst begonnen hat, sagt: „Ich wollte immer schon ins Ausland gehen. Das kann Schweden sein, muss es aber nicht.“ Die Veranstaltung beginnt. Moderieren wird sie Christiane Schmidt, 34, studierte Romanistin und Germanistin. Sie ist extra aus Schweden angereist und hat einige Vertreter des dalarnischen Gesundheitswesens mitgebracht. Personalchef Robert Carlsson kommentiert eine Diashow.
Besonders gefragt sind Allgemeinmediziner, Radiologen, Gastroenterologen, Psychiater. Und nicht nur in Dalarna. Auch andere schwedische Regionen werben deutsche Mediziner an, die Recruiting-Veranstaltungen werden beispielsweise im Deutschen Ärzteblatt vermeldet. Schon jetzt gibt es im schwedischen Gesundheitswesen viele unbesetzte Stellen, weil der Staat in der Vergangenheit zu wenig ausgebildet hat.
Die anstehenden Pensionierungen werden die Situation deutlich verschärfen. Derzeit kommen in Dalarna 2396 Patienten auf einen Arzt; die Zielvorgabe liegt bei 1600. Was nicht gesagt wird: Viele schwedische Ärzte wandern nach Norwegen aus, weil sie dort mehr verdienen. So werden die Lücken zu einem großen Teil von Ärzten aus Osteuropa gefüllt. Die Verdienstmöglichkeiten, die der Diaprojektor an die Leinwand wirft, sehen auch für deutsche Arztverhältnisse zunächst einmal wenig berauschend aus: 2549 bis 2722 Euro netto bringt ein Assistenzarzt nach Hause, ein Facharzt 3172 bis 3555 Euro. Das sei jedoch „ein gutes schwedisches Gehalt“, versichert Christiane Schmidt. „Die Einkommensverhältnisse lassen sich nicht eins zu eins übertragen, so ist beispielsweise die Kinderbetreuung sehr viel günstiger. Ein Ganztagskindergartenplatz inklusive Essen für 100 Euro im Monat bei einem Rechtsanspruch schon für Einjährige – davon können deutsche Eltern allerdings nur träumen“,
erzählt ein Ärzteehepaar aus dem Rheinland, 30 und 29 Jahre alt. Sie möchten nicht namentlich genannt werden, weil der Arbeitgeber des Mannes noch nichts von den Auswanderungsplänen weiß. Ihre Kinder sind dreieinhalb und anderthalb Jahre alt. Seit einem Jahr versucht die Mutter, eine Stelle als Assistenzärztin zu bekommen: „Als Assistenzärzte ist es für uns beide nur möglich, in Teilzeit zu arbeiten. Es gibt viele Angebote, aber keines, das sich mit Familie vereinbaren lässt.“
Da klingen die schwedischen Arbeitsbedingungen in deutschen Ohren paradiesisch. Selbstständige Praxen kennt man dort nicht, alle Ärzte sind festangestellt, arbeiten wochentags von 7.45 bis 16.15 Uhr. Wer Wochenenddienst hat, bekommt sechs bis acht Stunden Anwesenheit pro Tag mit 240 Prozent des Normallohnes entgolten oder mit 200 Prozent Stundenausgleich. Fünf Minuten Telefonieren im Bereitschaftsdienst von zu Hause aus werden mit 30 Minuten Arbeitszeit verrechnet. Deutsche Ärzte sind in Schweden gefragt, weil die Ausbildung einen guten Ruf hat, sich die beiden Völker kulturell und geografisch nahe sind und auch die Sprachen nicht zu weit auseinanderliegen. Florian Klär, 36, ist seit August 2007 als Allgemeinmediziner in Schweden und berichtet von seinen Erfahrungen. Er erzählt, dass ihm als Hausarzt im Angestelltenverhältnis die finanzielle und die personelle Verantwortung wegfallen. Und dass er nicht mehr in den Interessenkonflikt zwischen wirtschaftlichen und medizinischen Aspekten kommt. „Man hat mehr Zeit für die ärztliche Tätigkeit. Weiterbildung zählt als Arbeitszeit“, sagt Klär.
„Und Sprechstunden sind anders organisiert: In der Akutsprechstunde habe ich 20 Minuten Zeit für den Patienten. Hinzu kommen terminierte Sprechstunden mit 30 Minuten pro Patient und Telefonsprechzeiten. Ein Facharzt kommt so auf 12 bis 14 Patientenkontakte pro Tag.“ Ungläubiges Gelächter im Publikum. „Lachen Sie ruhig, das ist die natürliche Reaktion“, sagt Christiane Schmidt souverän lächelnd. Nachdem sie rund 30 Fragen beantwortet hat, löst sie die Runde auf: „Der Warteraum für die Bewerbungsgespräche ist ausgeschildert.“
Das Ärzteehepaar aus dem Rheinland hat die Bewerbungsunterlagen schon parat und muss sie nur noch abgeben. Und was nehmen die beiden nun nach Hause mit? „Wir hatten uns schon vorher eingehend informiert, aber es gab noch einige interessante Details, beispielsweise zur Kinderbetreuung.“ Insgesamt habe die Veranstaltung einen sehr netten Eindruck gemacht. Und es sei eine wichtige Information, dass man die Kosten für den viermonatigen Intensiv-Sprachkurs nicht zurückzahlen müsse, falls einen das Heimweh überwältigt und man zurück nach Deutschland geht. Das sei in der mittelschwedischen Region Gävle, die sich am Tag zuvor präsentiert habe, anders gewesen. Ansonsten spiele die finanzielle Seite aber keine große Rolle, meint der Arzt und junge Vater: „Wir wollen einfach Lebensqualität gewinnen.“
Ein Witz geht so: Zwei Männer sitzen an einer Kreuzung. Da kommt ein Reisender des Weges. Er spricht sie freundlich auf Englisch an: Wo bitte der Weg in die nächste Stadt sei? Die Männer verstehen nicht. Da versucht der Fremde es auf Italienisch und Französisch, auf Russisch und Chinesisch, schließlich auf Hochbalinesisch. Kopfschütteln, enttäuscht kehrt der Fremde um. „Der konnte aber viele Sprachen“, sagt schließlich einer der Männer. „Na und – hat's ihm was genützt?“, sagt der andere und zuckt mit den Schultern.
Es könnte auch ein Witz über Geisteswissenschaftler sein, die ins Berufsleben starten. Ihr fachliches Wissen interessiert in der Wirtschaftswelt oft keinen. Darauf, argumentieren Optimisten, komme es ja auch gar nicht an; vielmehr hätten Geisteswissenschaftler die viel gerühmten „Schlüsselqualifikationen“. Sie können sich schnell neues, auch überfachliches Wissen erschließen, können kommunizieren, organisieren und analysieren. Damit bringen sie genau das mit, was in der globalen Wissensgesellschaft gefragt ist, die den klugen Umgang mit immer neuen Fragen verlangt und nicht das Abrufen fester Wissensbestände.
Geisteswissenschaftler sind in dieser Perspektive die Avantgarde am Arbeitsmarkt der Wissensgesellschaft; die Unternehmen müssten sie demzufolge eigentlich umwerben und bestens entlohnen. Tun sie aber nicht. Im Gegenteil. Geisteswissenschaftler haben es bei Berufsstart und Karriere viel schwerer als zum Beispiel Betriebswirte und Ingenieure. Das ist nicht nur eine Sorge von Eltern, die zu viel über taxifahrende Germanisten gelesen haben. Es ist die Realität.
Als das Hochschul-Informations-System in Hannover Absolventen aller Fachrichtungen zehn Jahre nach Studienende befragte, wie es ihnen ergangen sei, zeigte sich: Die Geisteswissenschaftler verdienten ein Viertel weniger als der Schnitt der Absolventen und weniger als die Hälfte von dem, was der durchschnittliche Wirtschaftsingenieur aufs Konto bekommt. Ein Viertel der befragten Geisteswissenschaftler arbeitete in einem Job, in dem ein Hochschulabschluss nicht die Regel ist, und empfand die berufliche Position als nicht angemessen. Eine andere Untersuchung zeigt, dass Geisteswissenschaftler deutlich länger bis zur ersten regulären Stelle brauchen als andere Absolventen. Zudem fühlen sie sich überdurchschnittlich häufig unterfordert und verdienen auch schon zu Beginn weniger als ihre ehemaligen Kommilitonen.
In Untersuchungen zum Thema „Geisteswissenschaftler und Beruf“ kamen Forscher zu ernüchternden Ergebnissen: dass die hochwertige Ausbildung keinen hinreichenden Schutz vor Prekariat biete, dass hinter dem hohen Anteil von Selbstständigen auch Notgründungen vermutet würden und dass Geisteswissenschaftler, um nicht arbeitslos zu werden, häufig erhebliche Flexibilität und Konzessionsbereitschaft aufbringen müssten. Unabhängig vom Geschlecht verspreche ein Studium der Geisteswissenschaften den geringsten beruflichen Erfolg. Das ist bitter. Was ist mit all jenen, die zurzeit für Geschichte, Literatur- oder Kulturwissenschaften eingeschrieben sind? Müssen sie schnell noch umsatteln auf BWL, um sich nicht unglücklich zu machen?
Klara Sendler hat Geschichte, Literaturwissenschaften und Französisch studiert. Am Monatsende weiß sie manchmal nicht, wie sie das Essen zahlen soll. Knapp tausend Euro bleiben ihr im Monat zum Leben. Hätte sie sich am Ende des Studiums vorstellen können, dass es einmal so mit dem Start ins Arbeitsleben kommen würde? „Nein“, sagt sie. „Es ist besser gelaufen, als ich dachte.“ Besser? Ja, besser. Von einem „Traumjob“ spricht Klara Sendler. Sie arbeitet als selbstständige Journalistin bei einer großen Tageszeitung. Sie tut das, was sie schon immer tun wollte. Und das Geld? „Es ist nicht gerade toll, aber es reicht“, sagt sie. Auf keinen Fall würde sie mit einem Betriebswirt oder Ingenieur tauschen wollen.
Klara Sendlers Haltung ist typisch für viele Geisteswissenschaftler. „Ich will etwas tun, was mir Spaß macht“, lautet das Motto – auch wenn es nicht so gut bezahlt ist. Abiturienten, die Geisteswissenschaften studieren wollen, geben viel häufiger als andere an, die „persönliche Entfaltung“ sei für sie ein wichtiger Grund, um zu studieren. Die Aussicht auf einen sicheren Job und das Gehalt sind ihnen dagegen nicht so wichtig. Allerdings drückt diese Einstellung, wenn viele sie haben, die Preise. Und sie stößt an Grenzen. Irgendwann kommen Kinder, muss man fürs Alter vorsorgen oder will mancher nicht mehr mit der Unsicherheit leben.
Die entscheidende Frage aber lautet: Sind Geisteswissenschaftler glücklich mit ihrem Job? Denn nur, weil sie mehr Wert auf einen spannenden Beruf und weniger Wert aufs Geld legen, heißt ja nicht automatisch, dass ihre Arbeit auch tatsächlich erfüllend ist. Die Zehnjahresstudie des Hochschul-Informations-Systems gibt auch hier eine Antwort. Egal, ob es um die Arbeitsinhalte, das Arbeitsklima oder die Ausstattung des Arbeitsplatzes geht: Immer liegen die Geisteswissenschaftler bei der Frage nach der Zufriedenheit unter dem Schnitt aller Absolventen.
Doch bevor man diesen Umstand betrauert, sollte man lieber nochmal genau auf die Zahlen schauen. Denn erstens handelt es sich bei der Abweichung nach unten oft um ein paar Prozentpunkte. Und zweitens sind, absolut betrachtet, 78 Prozent der Geisteswissenschaftler mit den „Tätigkeitsinhalten“ ihrer Arbeit zufrieden. Vier von fünfen machen also das, was sie täglich tun, gerne. Lässt man einmal den Vergleich mit anderen Fachrichtungen beiseite, stehen sie auch beim Einkommen nicht gar so schlecht da. Nach zehn Jahren verdienen sie durchschnittlich immerhin 49500 Euro. Die Zahlen zeigen: Für den Großteil ist es ganz gut gelaufen.
Geisteswissenschaftler zu sein, sei ja auch eine Haltung, sagen Betroffene. Wenn etwa Kulturwissenschaftler zusammen mit Betriebswirten Wirtschaftsvorlesungen besuchten, seien es immer die Kulturwissenschaftler, die die kritischen Fragen stellen würden: „Warum ist das so? Sind diese Annahmen realistisch?“ Den Betriebswirten sei das eher egal, die würden das einfach lernen. Es sei aber wichtig, die Dinge zu hinterfragen.
Was aber können Geisteswissenschaftler tun, damit der Berufsstart nicht zu hart wird? Praktika während des Studiums? Klar! Uta Glaubitz, Philosophin und eine von Deutschlands bekanntesten Berufsberaterinnen, spricht sich radikal dagegen aus: „Gehen Sie in keine Vorlesung, machen Sie kein Praktikum, ehe Sie Ihr Berufsziel definiert haben“, sagt sie. Aber muss man nicht Verschiedenes ausprobieren, um zu wissen, was man will? „Nein“, meint Uta Glaubitz. Der Weg sei nicht das Ausprobieren. Der Weg sei die Selbstreflexion. Habe man einmal ernsthaft entschieden, in welche Richtung es gehen solle, könne man alles darauf zuschneiden, nach und nach immer höherwertige Praktika machen und Seminararbeitsthemen entsprechend danach auswählen.
Da ist sie mit einem Mal wieder, die leidige Frage: Was will ich einmal werden? Sie stellte sich ja schon mal. Nach dem Abi. Und für manchen war ein geisteswissenschaftliches Studium eine willkommene Möglichkeit, diese Entscheidung hinauszuzögern. Es ist paradox: Die Geisteswissenschaften ziehen Unentschlossene an, gerade, weil sie keine frühe berufliche Festlegung erzwingen. Aber gerade Geisteswissenschaftler brauchen besonders viel Entschlusskraft, einen funktionierenden inneren Kompass – wiederum, weil das Fach nicht auf einen bestimmten Beruf vorbereitet. Die stille Hoffnung, ein Entschluss werde schon irgendwie während des Studiums reifen, hält Uta Glaubitz für eine Illusion.
Marcellus Menke, Vorsitzender des Dachverbandes der Career Center an den deutschen Hochschulen, vertritt eine entspanntere Perspektive. Er ermutigt Studenten, verschiedene Berufswelten kennenzulernen. Ein Mythos seien die Erfolgsbiografien, die einen glauben machen, alles sei einem stringenten Plan gefolgt. Aber auch Menke erzählt, wie er mit den ratsuchenden Studenten an den Anfang zurückgeht. Er versuche, den Prozess der Entscheidung für den Studiengang bewusst zu machen. Da würden Motivationen sichtbar, an die man dann anknüpfen könne. Dass die Ratsuchenden immer wieder auf sich selbst verwiesen werden, sei kein Zufall. Es gebe einfach keine andere Antwort: Jeder müsse bereits im Studium ein persönliches Forschungsprojekt verfolgen – mit der Fragestellung: Wo will ich hin?